Halb voll, doppelt teuer

Shownotes

Rekordtiefer Speicherstand: Was die Zahlen bedeuten

Der Füllstand der deutschen Gasspeicher liegt Anfang September 2026 bei rund 50 Prozent, dem tiefsten Wert zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen 2011. Der Branchenverband INES (Interessenverband Europäischer Unternehmen der Strom- und Gasspeicherung) nennt es einen historischen Tiefstand. Zum Vergleich: Am 17. August 2025 lagen die Speicher bei 66,85 Prozent.

Das Einspeichertempo der vergangenen vier Wochen lag bei 0,16 Prozentpunkten pro Tag. Für das gesetzliche Ziel von 80 Prozent zum 1. November 2026 wäre eine Verdopplung des Tempos nötig. Die Gasspeicherfüllstandsverordnung sieht für sechs benannte Anlagen (Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt, Uelsen) abweichend nur 45 Prozent vor, sodass das rechnerische Gesamtziel bei rund 70 Prozent liegt.

Modellrechnung des INES-Verbands: Bei normalem oder mildem Winter reichen 76 Prozent aus. Bei einem Extremwinter wie 2010 drohen Fehlmengen von bis zu 9 Terawattstunden pro Monat im Februar und März 2027, an einzelnen Tagen bis zu 2 Terawattstunden. Die genauen Zahlen finden sich in den Shownotes.

Ras Laffan und die Hormus-Blockade: Der strukturelle Bruch

Die Straße von Hormus ist seit Ende Februar 2026 praktisch für den kommerziellen Schiffsverkehr geschlossen. Durch sie läuft normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels. Der Schiffsverkehr durch die Meerenge brach Anfang März 2026 nahezu vollständig ein; der Umweg um Afrika kostet rund 37 zusätzliche Tage pro Frachtschiff.

Bei den Raketenangriffen auf Ras Laffan Industrial City am 18. und 19. März 2026 wurden die katarischen Verflüssigungsstraßen Train 4 und Train 6 mit zusammen 12,8 Millionen Tonnen Jahreskapazität getroffen. Die Ausfuhrkapazität für Flüssigerdgas sank um rund 17 Prozent; QatarEnergy beziffert den entgangenen Jahresumsatz auf rund 20 Milliarden US-Dollar. Die Instandsetzung kann bis zu fünf Jahre dauern. QatarEnergy hat für mehrere Langzeitverträge Force Majeure erklärt; betroffen sind Abnehmer in Südkorea, China, Italien und Belgien.

Der europäische Börsengaspreis (TTF) stieg seit Beginn der Eskalation im Frühjahr 2026 um mehr als 60 Prozent und erreichte zeitweise über 70 Euro je Megawattstunde; am 2. September 2026 kletterte der TTF-Kontrakt auf 74,43 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit Kriegsbeginn.

Was das für den Betrieb bedeutet

Auslaufende Gas- und Stromverträge sollten jetzt verhandelt werden, nicht erst im Oktober. Lieferunterbrechungsklauseln im Energieliefervertrag prüfen. Den eigenen Verbrauch in Kilowattstunden kennen, weil jede Absicherung eine Basismenge braucht.

Der Merit-Order-Mechanismus an der Strombörse bedeutet: Das teuerste noch benötigte Kraftwerk setzt den Preis für alle. In den Abend- und Nachtstunden sind das typischerweise Gaskraftwerke. Ein hoher Gaspreis schlägt deshalb auch auf die Stromrechnung von Betrieben durch, die selbst kein Gas verwenden.

Die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung nach aktuellem Erkenntnisstand als gering ein. Norwegen liefert weiter, Flüssiggas kommt über andere Häfen, ein milder Winter würde die Lage entspannen. Versorgungssicherheit und Preisniveau sind zwei verschiedene Fragen, die beide gleichzeitig wahr sein können.

Für die Fachabteilung

Gasspeicherfüllstandsverordnung: 80 Prozent je Anlage zum 1. November 2026 (Regelfall); für Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt und Uelsen abweichend 45 Prozent. Zum 1. Februar 2027: 30 Prozent je Anlage (Regelfall); für die vier bayerischen Speicher Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg 40 Prozent. Rechtsgrundlage: § 1 Gasspeicherfüllstandsverordnung. Quelle: Bundesnetzagentur, Stand 2. September 2026.

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