Wenn die Maschine den Mangel verwaltet
Shownotes
Worum es geht
Ein Betrieb im Sauerland führt GPS-gestützte Vermessung ein, weil die Personalsuche ergebnislos geblieben ist. Das ist kein Einzelfall, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung: Das Baugewerbe hat bei der Kapitalausstattung den Anschluss an alle anderen Wirtschaftszweige verloren und verlässt sich bis heute auf Menschen, die immer schwerer zu finden sind. Diese Folge erklärt, warum sich der Maßstab für Investitionsentscheidungen gerade grundlegend verschiebt, und wo die stille Rechnung liegt, die die meisten Betriebe nicht aufmachen.
Akt 1: Was passiert ist
Seit 1991 ist die Produktivität je Arbeitsstunde im Baugewerbe um 7 Prozent gestiegen. In der Gesamtwirtschaft betrug der Zuwachs 40 Prozent, im produzierenden Gewerbe 73 Prozent, im Informations- und Kommunikationsgewerbe fast 200 Prozent. Das Baugewerbe weist gleichzeitig die niedrigste Kapitalintensität aller Wirtschaftszweige auf: Das Bruttoanlagevermögen je Erwerbstätigen beträgt laut BBSR nur etwa ein Fünftel des gesamtwirtschaftlichen Durchschnitts. Die genauen Vergleichszahlen finden sich in der BBSR-Studie (siehe Quellen).
Akt 2: Wie es wirklich funktioniert
Eine Stelle im Baugewerbe bleibt im Schnitt rund 270 Tage unbesetzt, fast doppelt so lang wie im branchenübergreifenden Durchschnitt. Im Aus- und Trockenbau sind es bis zu 300 Tage. 59 Prozent der Bauunternehmen berichten laut DIHK-Fachkräftereport 2025/2026 von Stellenbesetzungsproblemen. Dazu kommt: Laut Statistischem Bundesamt werden 40 Prozent der Ausbildungsverträge im Hoch- und Tiefbau vorzeitig gelöst, der höchste Wert aller Wirtschaftszweige. Eine vorzeitige Vertragslösung bedeutet dabei nicht zwingend Abbruch: Ein Teil der Betroffenen wechselt Betrieb oder Beruf und schließt anderswo ab.
Michael Finette, Geschäftsführer der Baubetrieb Finette GmbH in Marsberg, beschreibt im Gespräch mit Wirtschaftsforum, wie sein Betrieb reagiert hat. Das Unternehmen arbeitet inzwischen mit GPS-gestützter Vermessungstechnik: „Wir arbeiten inzwischen mit GPS-gestützter Vermessungstechnik und benötigen auf der Baustelle keinen klassischen Bauplan mehr. Das System zeigt die erforderliche Position zentimetergenau an. Was früher mit Schnüren und Bandmaß aufwendig abgesteckt werden musste, lässt sich heute präzise und deutlich effizienter umsetzen." Finettes Programm: „Als Unternehmen werden wir digitale Prozesse ausbauen und in moderne Technik investieren, um personelle Engpässe zu kompensieren."
Damit verschiebt sich der Maßstab für Investitionsentscheidungen. Die klassische Rechnung, Anschaffung gegen Personalkosten, setzt voraus, dass Personal überhaupt verfügbar ist. Wer niemanden findet, muss auch den Wert der Aufträge einrechnen, die gar nicht erst angeboten oder angenommen werden.
Akt 3: Was es im Betrieb bedeutet
GPS-gestützte Systeme und digitale Prozesse lösen das Qualifikationsproblem nicht. Sie brauchen jemanden, der die Anzeige liest, einen Fehler erkennt und eingreift. Wer in Technik investiert, ohne Leute ausbilden und halten zu können, verschiebt den Mangel auf Fähigkeiten, die noch schwerer zu finden sind. Finette zum technologischen Fortschritt: „Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels ist dieser technologische Fortschritt für uns unverzichtbar."
Die praktische Konsequenz: Offene Stellen in zwei Kategorien sortieren. Erste Sorte: Stellen, die Überstunden, Ersatz und Reibung erzeugen. Zweite Sorte: Stellen, die den Betrieb daran hindern, Aufträge anzunehmen. Bei der zweiten Sorte gehört die Marge der verlorenen Aufträge in die Vergleichsrechnung, bevor eine Investitionsentscheidung getroffen wird.
Zahl des Tages
Sieben Prozent: So viel ist die Produktivität je Arbeitsstunde im Baugewerbe seit 1991 gestiegen. Alle anderen Branchen haben in denselben 35 Jahren ein Vielfaches davon erreicht. Die Folge ist eine Branche, die bei Investitionen systematisch zurückgeblieben ist und jetzt unter Druck nachholt, was unter anderen Umständen vielleicht eine strategische Wahl gewesen wäre.
Eine Sache noch
Die Technik kommt. Die Frage ist, was sie wirklich ersetzt. Eine GPS-Maschine übernimmt die Absteckarbeit, aber kein System übernimmt das Urteil der Person, die auf der Baustelle steht und merkt, dass etwas nicht stimmt. Die Investition in Technik und die Investition in Ausbildung und Bindung sind keine Alternativen. Wer nur eine davon macht, hat die Rechnung noch nicht zu Ende gedacht.
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